Was geht ab: Musik, Politik, Kunscht
Marstheater im Ein-Mann-Betrieb: "Die letzten Tage der Menschheit" - gespielt von Erich Schaffner gesehen am 14. Mai 2014 im RIND, Rüsselsheim Einer allein kann das gar nicht glauben.                                                                                                                                                  (Kurt Tucholsky) Es gibt aus Harun al-Raschids Zeiten die alte Ge- schichte von den vier Zuckerbäckern: In einer Straße im Basar wirbt der erste mit dem Ladenschild "Bester Zuckerbäcker von Bagdad". Der zweite lässt sich nicht lumpen und schreibt "Bester Zuckerbäcker von Arabien", der dritte gar "Bester Zuckerbäcker der Welt". Was kann der vierte jetzt noch tun? Er schreibt auf sein Schild "Bester Zuckerbäcker in dieser Straße". Daran erinnert man sich, wenn die Rede auf das Theaterstück "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus (1874-1936)  kommt, eine riesige Anklage, eine allum- fassende Abrechnung mit dem Krieg, ent- standen vor dem Hintergrund des 1. Welt- krieges. Der Autor selbst hat es "einem Mars- theater zugedacht", weil sein "Umfang nach irdischem Zeitmaß etwa zehn Abende umfas- sen würde". Es hat viele Versuche gegeben, die über 200 Szenen mit mindestens ebenso vielen Figuren "werkgetreu" auf die Bühne zu bringen. Die gigantischste Aufführung war bislang wohl die von Luca Ronconi, auf meh- reren Bühnen gleichzeitig in einer Fiat-Halle in Turin (1990). Sechzig Schauspieler, siebzig Techniker, ein vierstündiges Theater-Ereignis, dessen Produktion (umgerechnet) 3.5 Millionen Euro gekostet hatte, die - wie sollte es anders sein - mit Unterstützung der FIAT- Oligarchenfamilie Agnelli zusammenkamen. Der Bock als Gärtner, und Ronconi als bester Zuckerbäcker der Welt. Es geht aber auch anders. Der Mörfelder Schauspieler Erich Schaffner hat das Stück mit dem genialen Witz des vierten Zucker- bäckers einfach als Ein-Personen-Stück inszeniert. Er spielt ganz alleine 48 aus- gewählte Szenen, dabei Mützen, Jacken und Rollen wechselnd, und bringt damit fast 30 Charaktere auf die Bühne, wodurch die eindringliche Fundamentalkritik von Karl Kraus am Wahnsinn des Krieges und seine klaren
Hinweise auf dessen Verursacher und Profiteure wesentlich besser zum Ausdruck kommen als in den Mammutspektakeln des bürgerlichen Theaterbetriebs. Mehr noch – die beklemmenden Bezüge zur aktuellen politischen Lage im Multi- Erinnerungsjahr 2014 werden offenbar, was Erich Schaffner zu Beginn seines Auftrittes noch durch die beiläufige Verlesung einiger Schlagzeilen und Sätze aus der gegenwärtigen Boulevardpresse eindringlich ins Bewusstsein rückt. Die Sprache der meisten Szenen ist wienerisch. Aber nicht die Sprache der Moser-Klamotten und donauseligen Heimatfilmchen mit Peter Alexander und Fritz Eckhardt, sondern eine geschmeidig daherkom- mende Boshaftigkeit, die in Bösartigkeit umschlagen kann ("Machen S' kaane Spomponadeln! Möcht' wissen, was das mit dem Krieg zu schaffen hat, daß's Fleisch ausgeht!"). Ein Horror im gemütlichen Gewand, oft beängstigend und gespenstisch, und trotzdem zum Ablachen. Das alles passiert auf wenigen Quadratmetern vor weniger als hundert Zuschauern. Ganz ohne Umbauten, ohne Bühnenbildwechsel rollt der makabre Reigen ab. Hatte Erich Schaffner eben noch einen Homburg auf dem Kopf, ist es nun eine Militärmütze, die Hand, die eben noch einen Regenschirm hielt, hält jetzt einen Säbel, und schon sind der Nörgler und der Optimist verschwunden, und auf der Bühne lümmelt lässig ein Generalstäbler auf der einzigen nennenswerten Requisite, einem Tisch, und telefoniert leutselig mit einem Schreiber, den man heute als "embedded journalist" bezeichnet würde. Ebenso schnell wird aus dem Generalstabstisch die Ladentheke eines "Greißlers", hinter der der Schau- spieler, jetzt im weißen Kittel, seine Kunden anraunzt und zynisch seine Wucherpreise rechtfertigt. Ein wei- ßes Tuch flattert kurz auf – nun ist der Tisch eine Laza- rettpritsche, auf der ein schwerverwundeter Soldat liegt und einen Brief liest, der Minuten zuvor am selben Möbel, dann als einfacher Küchentisch daherkom- mend, von seiner untreuen Frau geschrieben wurde. Szene reiht sich an Szene, bis zum grandiosen Schluß. Wer danach immer noch glaubt, man könne irgend- etwas in dieser Welt mit einer "militärischen Option" regeln, hat sein Eintrittsgeld umsonst ausgegeben. Demnächst vielleicht auch in Ihrer Stadt? Fragen Sie doch Erich Schaffner selbst: www.erichschaffner.de/
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