Antifaschismus: Gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Art von (Neo-)Faschismus
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Jüdisches Erbe? - Je nachdem. Die Stadt Mörfelden-Walldorf hält sich manches auf ihr jüdisches Erbe und auf die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit zu Gute. Stolpersteine wurden gelegt (und zwar ausschließlich für die ehemals jüdischen Mitbürger – andere Nazi-Opfer wurden bis heute nicht berücksichtigt). Es gibt einen abendfüllenden Film über die Geschichte des KZ-Außenlagers Walldorf, der inzwischen auch in englischer und französischer Sprache vorliegt und im Ausland viel beachtet wurde. In der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat der Name Mörfelden-Walldorf einen guten Klang, und der Naziherrschaft entkommene jüdische Mörfelder und Überlebende des KZ Walldorf in USA, Frankreich und Israel sprechen mit Hochachtung von dem Umgang der Stadt mit ihrer Geschichte. Zu Hause aber, wie’s halt so ist, gilt der Prophet nichts. Hier am Ort verzeichnet man einen geradezu holzhackerischen Umgang mit jüdischen Erinnerungswerten. Ein Beispiel: Das Haus der jüdischen Familie Reiss in der Langstraße. Obwohl es schon vor Jahren dringende Hinweise darauf gab, daß das Haus sanierungsbedürftig war, geschah nichts. Nach einer der letzten Wetterkapriolen mit Sturm und Starkregenfällen wurde das Haus stark beschädigt, und es besteht Einsturzgefahr. Was man vor ein paar Jahren mit vergleichsweise wenig Geld hätte instand setzen können, ist nun so gut wie unrettbar. Die Stadt sieht keinen anderen Weg mehr, als zuzuschauen, bis das Haus abgerissen wird. In der Stadtverordnetenversammlung im Dezember 2014 wagte Bürgermeister Becker gar die Aussage, von den Geschwistern Reiss habe man keinerlei Fotos und Dokumente; Häuser dieser Art gebe es genug in der Stadt. Im Übrigen könne man nichts machen, das Haus sei schließlich in Privateigentum. Bleibt hinzuzufügen: Privateigentum zu schützen, tritt die SPD seit jeher an, Geschichte vergisst man am besten, vor allem, wenn Erinnerung mühsam und mit Aufwand verbunden ist. Es ist leider nicht der erste Fall dieser Art. Das Gutshaus auf der ehemaligen Hühnerfarm in Walldorf, errichtet von dem bekannten Architekten Udo von Schauroth (Zürichhaus, Frankfurt) für die Ehefrau des jüdischen Industriellen Carl von Weinberg, hätte eine würdige Erinnerungs- stätte abgeben können. Hier treffen sich die Geschichte der örtlichen Juden, die Geschichte der Zwangsarbeiter aus aller Herren Länder, die hier für den Hotelkonzern Frankfurter Hof schuften mussten (damaliger Geschäftsführer: ein gewisser Herr Steigenberger), und die Geschichte von Menschen aus der Bevölkerung, die versuchten, anständig zu bleiben und sich zu widersetzen. Wie z.B. der Geflügelzüchter Erich Notzon, später bekannt als „Hähnchen-Erich“, der versuchte, den Zwangsarbeitern menschenwürdiges Essen zukommen zu lassen und dafür von den Nazis verhaftet und von den Amerikanern kurz vor Kriegsende aus einem Todeskommando befreit wurde. Nach der letzten Nutzung als Heimstätte für die "American Legion" wurde das Haus vom Eigentümer GESIPA sang- und klanglos abgerissen, um eine bessere Vermarktung der leeren Gewerbefläche zu ermöglichen. Die Stadt hätte mehrere Möglichkeiten gehabt, den Abriß zu verhindern, z.B. das Haus unter Denkmal- schutz zu stellen. Sie machte aber keinen Gebrauch davon. Die Gewerbefläche steht immer noch leer, und eine einmalige Chance, ein architektonisch inter- essantes, geschichtsträchtiges Gebäude im Stadtbild zu haben, wurde für immer vertan. Nicht zuletzt muß man an die Mörfelder Synagoge in der Kalbsgasse erinnern. Für sie wurde ein Gedenkstein errichtet, an dem zu jedem 9. November Erinnerungsveranstaltungen stattfinden. Was man allerdings den jüdischen Gästen (und auch Mörfelder Neubürgern) verschweigt ist die Tatsache, daß die Synagoge keineswegs der Reichspogromnacht zum Opfer fiel. Sie wurde auch nicht, wie Stadtverordnetenvorsteher Werner Schmitt bei einem Neubürgerempfang verkündete, schon vorher "irgendwie" abgerissen. Nein, das Gebäude stand noch bis 1965 und wurde erst dann im Zuge der "Urbanisierung" (damals ein Modewort) abgerissen. Die "geschichtsbewußte" Mehrheitsfraktion war damals, genau wie heute, die SPD.
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