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Besuch in Wageningen anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag der Befreiung am 4. Mai 2014 von Alfred J. Arndt Es war in Wageningen am 4. Mai 2014. An diesem Tag  gedenkt die Stadt des Kriegsendes im Jahre 1945. Die Niederlande begehen den Tag als Befreiungstag. Damals wurde die Kapitulation der in den Niederlanden stationierten Truppen des Dritten Reiches im Hotel "De Wereld" in Wageningen unterzeichnet. Vielleicht waren es meine englische Wachsjacke und der Shetland-Pullover, die einen der britischen Veteranen dazu bewogen, mich anzusprechen. Schon seit einiger Zeit waren er und seine Kameraden im "Stille Tocht" des Gedenktages in der Reihe hinter mir gelaufen, in ihren blauen Clubjacketts, mit Orden und militärischen Baretten, fast alle noch gut zu Fuß, trotz ihrer um die 90 Lebensjahre. Sie hatten als junge Menschen in der "Market-Garden"-Operation gekämpft, deren Schlachtfelder unmittelbar bei Wageningen liegen – unserer niederländischen Partnerstadt. Jetzt stockte der lange Zug auf seinem Weg zur zentralen Gedenkstätte, weil viele der über 2.500 Teilnehmer auf halber Strecke am jüdischen Mahnmal "Levenspoort" ein Steinchen niederlegten. "English?"  fragte er interessiert. Die militärisch kurze Frage konnte heißen "Sind Sie Engländer?" oder "Sprechen Sie Englisch?". Auf einem Schweigemarsch gibt es wenig Raum für Debatten, also erwiderte ich eben so kurz: "Yes, Sir". "Was bedeutet dieses Denkmal?" wollte er wissen. Ich erläuterte es ihm im Flüsterton: "Das ist das Denkmal für die jüdischen Einwohner der Stadt, die von den Nazis umgebracht wurden". Ich wusste: Der Name des Mahnmals ist 'Levenspoort' ('Tor des Lebens'). Entworfen wurde es von dem Wageninger Professor Maurice Elzas. Es besteht aus einem lebensgroßen bronzenen Torbogen, durch den ein Zug von Menschen geht. Das Tor bedeutet die Grenze zwischen Leben und Tod. Ein paar Menschen sind diesseits des Tores angekommen – sie haben es ins Leben geschafft. Die meisten sind auf der anderen Seite geblieben. Die andere Seite – das war für die Wageninger Juden das Konzentrationslager Westerbork, und dann Auschwitz. Einundsiebzig von ihnen sind auf dieser dunklen Seite geblieben, Wageninger Bürger seit langer Zeit, und Kriegsflüchtlinge - auch aus Deutschland. Die Inschrift ist ein Bibelzitat aus dem Buch Ruth: "Dass sein Name nicht ausgerottet werde unter seinen Brüdern und aus dem Tor seines Ortes", in hebräischer und niederländischer Sprache. Der alte Soldat bedankte sich freundlich. Als ich wieder zu meinen Wageninger Gastgebern aufschloss, erzählte ich ihnen, dass ich einem der Veteranen das Mahnmal erklärt hatte. "Auf niederländisch?" wurde ich ungläubig gefragt. "Nein, auf Englisch natürlich" gab ich zurück. "Und hat er nicht gemerkt, dass Du Deutscher bist?".  Pause. Das war mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen! "Noch vor 20 Jahren war es nicht so selbstverständlich wie heute, dass unsere deutschen Freunde bei dem Schweigemarsch mitmachen", erinnerte sich Ingeborg. "Damals haben wir unsere Gäste sogar gebeten, bei den Gedenkveranstaltungen möglichst nicht Deutsch zu sprechen". Heute ist das anders. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Stadt Mörfelden-Walldorf mit ihrer verantwortungsbewussten Aufarbeitung der Vergangenheit einen guten Namen gemacht hat. Aber noch längst nicht alle sehen das so. Es hätte genau so gut - auch heutzutage noch - schiefgehen können. Es ist noch lange nicht vorbei. Es darf auch nicht vorbei sein. Denn es gilt, sich an das Geschehene weiter zu erinnern. Auch dann, wenn die Veteranen hinter mir nicht mehr rüstig sind. Es wäre gut, wenn mich später einmal Kinder fragen würden, was es mit dem Mahnmal auf sich habe…
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