Antifaschismus: Gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Art von (Neo-)Faschismus
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Wenn einer eine Reise tut… … dann guckt er sich auch ein bisschen um. Und zwar danach, wie Städte mit dem Holocaust umgehen. Wie gesagt, wir haben eine Fahrradtour entlang des Mains gemacht. (Juni 2014) Bayreuth Beeindruckend, in der Tourist-Information liegt ein Prospekt aus „Jüdisches Bayreuth – Ein Rundgang“. Sehr ausführlich beschrieben, der Rundgang umfasst 53 Stationen. Es wird nichts umschrieben, sondern deutlich beim Namen genannt. So entnimmt man dem Prospekt: „Die erste Deportation aus Bayreuth fand am 27. November 1941 statt. 47 Bayreuther Juden wurden … ins Lager Jungfernhof bei Riga deportiert, von ihnen überlebten nur vier… Weitere zwölf ältere Juden wurden am 16. Januar 1942 zuerst nach Bamberg gebracht, von dort kamen sie im September 1942 nach Theresienstadt. Dort und in den Konzentrationslagern Izbica, Minsk und Auschwitz wurden alle ermordet. … Insgesamt wurden mindestens 145 Bayreuther Juden Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.“ Im Foyer des Rathauses ist ein Gedenkturm, gefüllt mit der Anzahl an Steinen, die den jüdischen Opfern entspricht, aufgestellt, zusammen mit einer Namenstafel der Opfer. Was geschah mit der Synagoge? Dazu steht im Prospekt: „In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge durch SA- und SS-Angehörige geschändet und verwüstet. Der Befehl dazu kam aus München, wo sich die Spitzen der NSDAP, unter ihnen auch der Bayreuther Gauleiter Fritz Wächtler, zu einer Feier versammelt hatten. Auf ausdrücklichen Befehl wurde die Synagoge nicht in Brand gesetzt, weil sonst das benachbarte Markgräfliche Opernhaus stark gefährdet gewesen wäre. Die Ritualgegenstände sind seitdem verschollen, von der Inneneinrichtung blieb nichts erhalten…“ Gründlich waren sie, die Nazis und vorsichtig, damit dem Opernhaus, welches Wagner übrigens verschmähte, da für seine Werke ungeeignet, nichts geschah. Dem Literaturverzeichnis des Prospekts (sic!) ist zu entnehmen, dass es eine sehr aktive Bayreuther Geschichtswerkstatt gab (vielleicht noch gibt?). Ein deutlicher Kontrast zum Wagner-Hype… An dieser Art der Aufarbeitung der eigenen Geschichte kann sich manch andere Stadt ein Beispiel nehmen. Lichtenfels Im Stadtplan von Lichtenfels ist in der Judengasse die ehemalige Synagoge vermerkt. Sie dient heute als Veranstaltungsort für kulturelle Veranstaltungen. Bei der Einweihung des restaurierten Gebäudes erschien folgender Artikel in der „Neuen Presse Coburg" vom 29. Oktober 2011: „Einweihung der restaurierten ehemaligen Synagoge Artikel von Andreas Welz und Bürgermeisterin Bianca Fischer „Synagoge wird Stätte der Begegnung In das ehemalige Gebetshaus der Juden in Lichtenfels zieht neues Leben ein. Das Gebäude inmitten der Stadt soll das Andenken an seine Erbauer wach halten. Die ehemalige Synagoge in Lichtenfels wurde am gestrigen Freitag als Kunst-, Kultur- und Begegnungsstätte ihrer Bestimmung übergeben. Bürgermeisterin Bianca Fischer lobte die gelungene Sanierung des 1798 errichteten Gebäudes. Es sei ein Denkmal, das an die lange Geschichte und vor allem auch an die gewaltsame Auflösung und die Vernichtung des Judentums in Lichtenfels erinnere, sagte sie bei dem bewegenden Festakt. Als künftige Begegnungsstätte solle die Synagoge dazu beitragen, dass das Gedankengut und die Gesinnung, die den Naziterror erst ermöglichten, in Lichtenfels nicht mehr Platz greifen können. Bei der Planung und Umsetzung der Neugestaltung habe die Stadt Unterstützung und Förderung erfahren, sagte sie und dankte allen, die daran beteiligt waren. " Den ersten Teil, das Denkmal vor dem Verfall zu bewahren, haben wir gemeinsam geschafft. Es aber nachhaltig im Sinne seiner Erbauer mit Leben zu füllen, bleibt eine Herausforderung für uns alle", unterstrich das Stadtoberhaupt.“ Womit sie Recht behalten sollte. Denn in der Touristik-Information finden wir keine Information über die jüdische Geschichte … Bamberg Man muss suchen, im Touristikprospekt haben wir nix gefunden. Doch im Stadtplan findet man die Synagoge. Was man findet, irritiert. So haben wir eine Gedenktafel an der Unteren Brücke beim Alten Rathaus entdeckt, mit der Inschrift: „Zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger und alle, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Widerstand geleistet haben, missachtet, verfolgt und ermordet wurden“. Es muss ein Kampf gewesen sein, diese Tafel mit diesem Text zu installieren; denn links daneben ist eine Gedenktafel zum Gedenken der „Gefallenen des 2. Weltkriegs“ angebracht. Ein makabrer Kontrast! Immerhin, es wurden 57 Stolpersteine verlegt. Seit 2011 sucht die Willy-Aron-Gesellschaft Paten zur Pflege der Stolpersteine. Es gibt einen Synagogenplatz mit einem beeindruckenden Denkmal. Die Synagoge befindet sich in zweiter Reihe im Hinterhof der Willy-Lessing-Straße 7. Am 1. Juni 2005 wurde die neue Synagoge eingeweiht. Sie wurde im alten Fabrikgebäude des ehemaligen jüdischen Unternehmens Kupfer & Heßlein (Nähseidenfabrik) aus dem Jahre 1864 eingerichtet, bestehend aus Vorder- und Rückgebäude. Die Touristik-Information sollte offensiver mit der Geschichte umgehen und den Gedenkstätten mehr Raum geben. Kitzingen Im Stadtplan ist die Synagoge verzeichnet. Sie liegt unmittelbar am Main und ist ein imposantes Gebäude. Proper restauriert weist sie auf eine offensichtlich stolze Geschichte hin. Die Zahl der jüdischen Einwohner betrug in Kitzingen im Jahr 1910 478 (damit 5,2 % der Gesamtbevölkerung). Die jüdischen Einwohner Kitzingens engagierten sich in allen Bereichen des Lebens der Stadt. Sie bekleideten auch öffentliche Ämter und brachte ihre Beiträge zum Gemeinwohl der Stadt ein. Mehrfach wurden jüdische Bürger in den Magistrat/Stadtrat gewählt. Neben dem Weinhandel gehörten jüdischen Familien auch andere Geschäfte/Gewerbebetriebe (Bäckereien, Café, Metzgereien, Lebensmittelgeschäfte, Eisenwarenhandlung, Privatbank, jüdische Ärzte und Zahnärzte). 1933 wurden 360 jüdische Einwohner gezählt. Trotz zunehmender Entrechtung, der Boykottmaßnahmen und zahlreicher Repressalien bestand ein reges jüdisches Leben in der Stadt fort. Zwar sind jüdische Einwohner in den Folgejahren verzogen beziehungsweise ausgewandert, andererseits zogen Juden aus umliegenden Landgemeinden nach Kitzingen zu. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet, geplündert und in Brand gesetzt, dazu wurden zahlreiche Wohnungen jüdischer Familien verwüstet und ausgeraubt. 57 Kitzinger Juden wurden verhaftet und im großen Saal des Amtsgerichts (Ritterstraße) gefangen gehalten. 23 wurden danach in das KZ Dachau verschleppt (weitere Angaben siehe unten beim Abschnitt zur Geschichte der Synagoge). 1938 und 1939 verließen viele der jüdischen Einwohner die Stadt. Insgesamt sind vor Beginn der Deportationen 192 Juden emigriert, darunter 84 in die USA, 52 nach Palästina. 111 verzogen in andere deutsche Städte. Von denen, die 1942 noch in der Stadt waren, wurden am 24. April 76 Personen in das Vernichtungslager Izbica (bei Lublin, Polen) deportiert, am 23. September 1942 19 Personen in das KZ Theresienstadt. (Quelle: http://www.alemannia- judaica.de/kitzingen_synagoge.htm) Angesichts dieser Geschichte der jüdischen Gemeinde Kitzingens ist die Gedenktafel, die an der Synagoge von der Stadt angebracht wurde, mehr als peinlich! Die Inschrift lautet: „Die Stadt Kitzingen schuf diese Tafel im Jahre 1967 zum Gedenken an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger“. Die undankbarer weise zwischen 1933 und 1942 unsere schöne Stadt verlassen haben, scheint da noch zu stehen. Ja, irgendwie gab es sie dann nicht mehr. Und dann protzen sie noch auf der zweiten Tafel: „Diese ehemalige Synagoge wurde von der Stadt Kitzingen renoviert und … als kultur- und Bildungsstätte … neu eröffnet.“ Ja, sind sie nicht generös, die Kitzinger Ratsherren!? Am 8. März 2012 berichtet die MainPost über die Jahreshauptversammlung des Fördervereins ehemalige Synagoge Kitzingen „Ebenso geärgert hatte sie (Dagmar Vosskühler, Vorsitzende des Fördervereins) sich über einen Vorfall in Kitzingen. Hier hatten Schulkinder Stolpersteine gereinigt. Das habe eine Frau auf den Plan gerufen hatte, die gesagt habe, dass sie zwar nichts gegen Juden habe, aber dass sie es als Zumutung empfinde, wenn ihre Enkelin auf Knien Steine putzen müsse.“ Ja Hallo, deutsche Kinder putzen keine Stolpersteine. Doch, sie tun es, du dumme, rechte, antisemitische Kuh! Es ist noch viel zu tun in Kitzingen und andern Orts! Lohr Die örtliche Touristikinformation gibt uns einen Prospekt „Altstadtrundgang“. Da gibt es insgesamt sieben „Standorte“. Beim „Standort VII – Schiffer- und Fischervorstadt“ ist vermerkt: „Fischerbrunnen: 1983 zum Stadtjubiläum von den Bewohnern des „Meeviertel“ gestiftet; - gegenüber: Ehemalige Synagoge 1867 - 1941“. Wir also hin. Brunnen gefunden, Haus gegenüber auch, aber keinen Hinweis auf den Standort der Synagoge, geschweige eine Gedenktafel. Wir wieder in die Touristikinformation. Da erhielten wir die Auskunft „Es gibt keine Synagoge mehr in Lohr; also gibt’s auch keine Hinweistafel.“ Klar, nicht wahr! Also irgendwie ist die Synagoge 1941 verschwunden, ist lange her… Immerhin findet sich eine Gedenkstein an der Grafen-von-Rieneck-Straße: "Die Stadt Lohr am Main gedenkt ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger und aller Opfer des Nationalsozialismus". Muss schwer gefallen sein! Karlstadt In der Hauptstraße 28 des Mainfränkischen Städtchens entdecken wir am Haus die Hinweistafel (zwischen den Fenstern des Erdgeschosses): "In diesem Hause befand sich bis zum 9. Nov. 1938 die Synagoge der ehem. Karlstadter Judengemeinde". Im Haus befand sich der Betsaal des 19./20. Jahrhunderts (Betsaal war im Erdgeschoss). Mehr Platz ist halt nicht auf solch einer Tafel… Immerhin ist es dem „Arbeitskreis Stolperstein“ im Jahr 2009 gelungen, 17 Stolpersteine zu verlegen. Die Stadt hat sich einstimmig für das Projekt ausgesprochen. Hat ja nix gekostet. Die Paten der Stolpersteine sind für die Kosten aufgekommen. Wertheim Im Tourismusbüro fällt der Prospekt mit dem Davidstern ins Auge „Neuplatz Memorial“. Ja der Prospekt ist in Englisch geschrieben. Auch nach intensivem Suchen fand sich keine deutsche Fassung. Hat ja auch ‘ne gewisse Logik: fremdsprachige Touristen interessieren sich wohl eher für die Geschichte des Holocaust. Der Neuplatz liegt direkt neben dem Tourismusbüro. Bis 1938 blieb die Synagoge Mittelpunkt des gottesdienstlichen Lebens der jüdischen Gemeinde. Nachdem inzwischen viele Juden die Stadt verlassen hatten, verkaufte im Spätsommer 1938 die jüdische Gemeinde unter ihrem letzten Vorsitzenden Sigmund Cahn das Synagogengebäude an die Stadt. Im Gemeinderatsprotokoll vom 23. September 1938 findet sich die den Ratsherren gemachte Mitteilung: "Die Gemeinderäte nehmen davon Kenntnis, dass die Stadt die Synagoge zum Preise von 3.000 RM erworben hat. Dem Kauf wird zugestimmt". Als knapp sieben Wochen später beim Novemberpogrom 1938 der zur Einäscherung der Synagoge abgeordnete Trupp bereits im Begriff war, den Brand zu legen, wurde dies in letzter Minute durch die Eröffnung des herbeigeeilten städtischen Protokollanten verhindert. Er wies darauf hin, dass es sich bei der Synagoge um städtisches Eigentum handle. Dennoch wurde die Inneneinrichtung verwüstet. Die Torarollen und einige weitere Kultgegenstände konnten auf das Rathaus gebracht werden. Durch das Eingreifen des damaligen Stadtarchivars lagerten sie hier bis nach Kriegsende. Nach 1945 kam das Gebäude an die jüdische Vermögensverwaltung (JRSO), die es ihrerseits 1949 an die Stadt Wertheim verkaufte. 1949 wurden in der ehemaligen Synagoge Lagerräume und eine Unterkunft für die Stadtschreinerei eingerichtet. Ende Februar 1961 wurde das Gebäude beim Ausbau der Rechten Tauberstraße abgerissen. Am 12. August 1976 wurde am Synagogenstandort (an der Innenseite der Stadtmauer am Neuplatz) eine Gedenktafel angebracht. Unweit der Synagoge befand sich am Neuplatz ein rituelles Bad (abgebrochen). Der Neuplatz wurde 2002 bis 2004 neu gestaltet und bebaut. Dabei wurde auf eine Bebauung im Bereich der ehemaligen Mikwe verzichtet. Im Bereich der ehemaligen Synagoge wurde eine "reduzierte Bebauung" vorgenommen. Nach Abschluss der Bauarbeiten wurde die Gedenktafel von 1976 an der hinteren Stadtmauer im Innenhofneubau am Neuplatz (Gerbergasse 16) angebracht. Auch der Türsturz der Synagoge von 1799, der in der Kilianskapelle aufbewahrt worden war, wurde hier angebracht (Inschrift von 1799: "Moralische Belehrung an die Menschen der jetzigen Generation, die den Bau des Tempels erlebt in Verbundenheit mit den Vorvätern"; 2. Zeile: "In diesem uns Gutes verkündenden Jahr den Erbauern des Tempels, der in unseren Tagen geschwind aufgebaut wird"). Überlegungen zur Neugestaltung der Gedenkstätte am Neuplatz wurden seit 2012 durch den Bürgerverein "Pro Wertheim" angestellt. Die dort vorhandene Gedenktafel findet sich jetzt in einem Innenhof am Platz der ehemaligen Synagoge. Neben der Tafel wurde auf einem Sandsteinsockel ein Lesepunkt mit einem Gedenktext an die Deportation der Wertheimer Juden errichtet. Auch eine Namensliste mit den 15 Namen der aus Wertheim deportierten und dann ermordeten Juden (vier Deportierte überlebten) fand hier einen Platz. Weiterhin gibt es seit 2013 einen "Schattenwurf" der ehemaligen Synagoge auf dem Kopfsteinpflaster am Neuplatz sowie einige Tafeln mit Fotos der früheren Synagoge. Zudem wird jetzt dort an die frühere Mikwe erinnert und durch Zusätze zur Straßenbeschilderung angezeigt, dass Gerber- und Wehrgasse vor 1938 Judengasse hießen. (Quelle: http://www.alemannia-judaica.de/wertheim_synagoge.htm) Vorbildlich. Der „Schattenwurf“ auf dem Neuplatz beeindruckt, zumal die Erklärung an der Hauswand unübersehbar ist und so der Sinn der Basaltsteinreihe auf dem Platz verständlich wird. Und wenn man’s versteht, läuft’s einem kalt den Rücken runter, mir jedenfalls. Rings herum liegen Stolpersteine… Fazit Spät, teilweise peinlich spät, wird die Erinnerungsarbeit in den Städten und Gemeinden nun doch geleistet, teils halbherzig, teils mit großem Engagement und sich seiner Geschichte offen stellend. Mir fällt da noch einiges ein, wie wir in Mörfelden-Walldorf mit unserer Geschichte umgehen könnten. Aber davon später. Dass vor Synagogen in Deutschland Polizeiwagen stehen müssen, ist ein Skandal. Dass Polizeifahrzeuge dort stehen, geht in Ordnung, denn sie stehen da, um die Synagogen zu schützen. Dass es in Deutschland erforderlich ist, Synagogen vor rechtsradikalen und neofaschistischen Übergriffen durch Polizeikräfte zu schützen, das ist der eigentliche Skandal.
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